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» Die Mamiweb-Zwillingskolumne

  • Hallo, ich bin Carla!

    Meinen Zwillingen, Lynn und

    Jona, verdanke ich die Ernennung zur ehrenamtlichen Alltagsakrobatin. Schreibend durchlebe ich die komischen Untiefen des Kinderalltags und vergesse nur manchmal aus Schlaflosigkeit den Stolz auf mein Mama-Sein.

    In dieser neuen Kolumne nehme ich Euch jede Woche ein Stückchen mit hinein in meinen Alltag. Ihr werdet vieles aus Eurem Leben wieder erkennen, da bin ich mir sicher… Im Niederschreiben streife ich die vergangenen fünf Jahre seit der Geburt von Lynn und Jona, finde heraus, wie ich wurde, was ich heute im Spiegel sehe, und banne das Mutterglück in praktische Portionen für zwischendurch. Viel Vergnügen!

    Letzte Woche traf ich einen alten Schulfreund. Der sah immer noch aus wie sechste Klasse, nur in groß und in einen Anzug verirrt. Früher hatte ich gedacht, aus dem wird mal was ganz großes, aber diese Grundlagen sind wohl zwischen Hockeymannschaft, Saufgelagen und Defloration von Melli aus der 10. Klasse versandet. Er sei in der IT-Branche gelandet, schnalzte er und deutete fragend auf meine Doppelkarre, in der Jona fröhlich brabbelnd eine Dinkelstange einspeichelte. Lynn schlief. „Hey, das sind doch nicht etwa deine eigenen?“ Nee, geklaut, du Affe, dachte ich. Und sagte: „Ja, doch, ich wurde mit Zwillingen gesegnet… Verrückt, oder?“ Und eigentlich bin ich jeden Tag seit der Geburt der beiden mordsmäßig stolz drauf, nur wollte sich dieses Gefühl im Beisein eines Zeugen meiner Schulzeit gerade nicht so richtig einstellen. Dieser nämlich bewunderte noch nicht mal meine Honigkinder, sondern quatschte dämlich weiter. „Ja, und sonst so? Ich meine, ich dachte immer, aus dir wird was richtig Dolles, ziehst die fette Karriere ab oder so. Du machst doch neben den Kids bestimmt noch was Richtiges?“

    Was Richtiges’, dieses Stichwort hatte mir gerade noch gefehlt. Ich holte tief Luft und setzte zu einer 10-minütigen Pro-Muddi-Kampagne an, die ihn über meinen Alltag mit Zwillingen aufklärte. Ich betete ihm meinen engen Zeitplan vor, pries meine Qualitäten als Allrounder und mein stressresistentes Organisationstalent, als stünde ich mitten im Bewerbungsgespräch für die Führungsposition eines globalen Unternehmens. Doch Andi, so hieß Durchschnittsfutzi, tippte sichtbar unbeeindruckt in seinem Nokia Communicator herum und nestelte an seiner Krawatte. Der denkt bestimmt, ich sei so eine frustrierte Tchibo-Hausfrau, schoss es mir durch den Kopf. Dann fing Jona an zu maulen und ich nahm das zum Anlass, eine zweite Offensive zu starten.

    Ich nahm meinen Sohnemann hoch, knöpfte kurzerhand meine Bluse auf, griff meine linke Brust und begann zu stillen. Mitten in der Einkaufspassage, zwischen Douglas und DM-Markt stehend, schmatzte Jona dankbar für derart spontanen Milchsegen. Während ich mit der freien Hand nach meinem neuen Lipgloss fischte, erläuterte ich, dass der Spagat zwischen Muttersein und Berufswelt sicherlich kein leichter sei, aber mir dank Organisationstalent keine Angst mache. Meine Lippen glänzten in Purple Pink, als ich Andi lachend daran erinnerte, dass er derjenige war, der sich früher bei Mutproben in die Hosen gemacht hattt – und ich die fünf Mark kassierte, weil ich mich traute, einen Regenwurm zu essen (ohne Kauen).

    Andi glotze zwischen meinen Airbrush-Lippen und der entblößten Stillbombe hin und her und sagte nichts mehr. Es war also an mir, diesen netten Plausch mit meinem ehemaligen Klassenkameraden zu beenden. „So, ich muss jetzt aber dringend los, habe noch ein wichtiges Meeting mit drei anderen Müttern. War nett, dich wieder zu treffen, Andi!“ Und schon düste ich davon, rote Lippen, wehende Bluse, ein Goldbaby auf dem Arm, das andere Goldkind von seiner tollen Mama träumend, aus der was ganz Dolles geworden ist!

    • Hier ist wieder Eure Carla

      Meinen Zwillingen, Lynn und Jona, verdanke ich die Ernennung zur ehrenamtlichen Alltagsakrobatin. Schreibend durchlebe ich die komischen Untiefen des Kinderalltags und vergesse nur manchmal aus Schlaflosigkeit den Stolz auf mein Mama-Sein.

      In dieser neuen Kolumne nehme ich Euch von nun an jede Woche ein Stückchen mit hinein in meinen Alltag. Ihr werdet vieles aus Eurem Leben wieder erkennen, da bin ich mir sicher… Im Niederschreiben streife ich die vergangenen fünf Jahre seit der Geburt von Lynn und Jona, finde heraus, wie ich wurde, was ich heute im Spiegel sehe, und banne das Mutterglück in praktische Portionen für zwischendurch. Viel Vergnügen!

      Freitagabend, alles geht schick Essen, ins Kino, Theater, gemütlich Weinchen trinken mit bester Freundin, was man eben so macht mit lebendigen Mitte zwanzig. Mein Mann, Mitte dreißig, also in seiner geistig-moralischen Entwicklungsstufe mir absolut ebenbürtig, zieht heute um die Häuser und fühlt sich wie die anderen da draußen. „Endlich mal wieder mit den Kumpels raus. Spüren, dass man lebt, mal abschalten.“ Nee, ist klar.

      Zum Abschied ein verdächtig euphorischer Kuss und die Worte: „Tschüß, mein Schatz, mach dir ein kuscheligen Abend mit unseren Goldkindern.“ Blödmann, denke ich. Und sage: „Genieß deinen Abend und grüße Gregor, Max, Uwe, Sebastian, Philipp, Andreas und…“ Peng, Tür zu, Euphorie raus, Realität drin.

      Ich hasse es, ein „Schatz“ zu sein. Das ist doch jede. Er soll sich verdammt noch mal etwas Wertvolles, Einzigartiges, einen noch nie gesagten Kosenamen für mich ausdenken. Schließlich hat er mich unter Tausenden auserwählt und geheiratet. Da ist doch wohl mehr drin als Schatzi, Spatzi, Mausi, Hasi, Pupsi, Bärchen, Lämmchen… Ja, sind wir hier bei „Polly Pocket“ oder was?

      Denk mal an, sind wir nämlich nicht, scheinen mir meine Zwillinge mitteilen zu wollen. Sie kreischen hungrig aus dem Wohnzimmer und meine ziependen Milchkanister erinnern an die Abendfütterung. Ganz Muttersau, bette ich mich bequem aufs Sofa, Mozarts „Kleine Nachtmusik“ sorgt im Hintergrund für die frühkindliche Intelligenzentwicklung, und dann stille ich. Den sich ewig verschluckenden Jona rechts, Brustwarzenbeißerin Lynn an der linken Zitze. Ich versuche, meine Stimmung den Violinen Mozarts anzupassen und atme mit einem hilflosen „Ooohm“ aus. Schließlich nehmen die Babys meine gesamte Atmosphäre durch die Muttermilch auf, behauptet meine Aura-Soma-Freundin Beate. Die kann Reiki, Sonnengrüße, kocht ayurvedisch und weiß so was einfach. Statt Friede-Freude-Eierkuchen habe ich aber nur einen Gedanken: Der Vater dieser Goldkinder geht jetzt erst ins Kino, dann Billard spielen, dann die Reeperbahn rauf und runter, etliche Bierchen später dann ein flotte Striptease („Männerkram, aber echt harmlos, Schatz“), anschließend Party, einige Kurze, Absacker bei Andreas, Playstation bei Philipp und im Morgengrauen grabscht dann so ein fröhlich nach Hause kommender, stinkender Tiger nach meinen Hüften und murmelt was von „wie früher ne kuschelige Nummer schieben“. Ich kann die Fahne förmlich riechen und formuliere in Gedanken die erste SMS an meinen Göttergatten. „Während du deinem Vergnügen nachgehst, opfere ich mich für unseren Nachwuchs auf. Viel Spaß noch!“ Meine Aggression steigert sich, die Phantasie leistet ihren Beitrag und ich tippe virtuell die zweite Nachricht. „Am besten, du schläfst gleich bei einem deiner Kumpanen, dann muss ich mich wenigstens nicht von einem Alki begatten lassen.“ Einmal in Fahrt, bin ich kaum zu stoppen: „Sollte ich jemals dahinter kommen, dass du dich auf eine Prostituierte eingelassen hast, sind wir die längste Zeit verheiratet gewesen.“ So, dass saß, dachte ich mir, registrierte, dass ich noch keine der stillverblödeten SMS gesendet hatte und stellte fest, dass mir immer noch allersüßeste Babys an den Brüsten hingen und nichts ahnend die Muttermilch tranken, die ich soeben astralverseucht hatte. Ich streichle gequält von Selbstvorwürfen ihre zarten Flaumköpfchen, weine ein bisschen und sehe mich insgeheim schon alleinerziehend den Kampf mit dem Alltag ausgesetzt.

      Lynn macht ihr Bäuerchen wie Opa Heini, Jona markiert meine rechte Schulter mit süßlicher Milchkotze. Nach zehnmal „Schlaf Kindchen, schlaf,“ und dreimal „Der Mond ist aufgegangen“ rüttel ich eine weitere halbe Stunde den Stubenwagen meditativ über den Dielenboden. Immerhin schlafen meine Kinder zu Hause ein und müssen nicht wie bei einer befreundeten Mutter aus der Zwillings-Pampers-Gruppe im Auto zu Rammstein über Pflastersteine kutschiert werden. Sachen gibt’s.

      Dann schlurfe ich in die Küche, öffne den ersten Rotwein seit einem halben Jahr und beschließe, morgen behutsam mit dem Abstillen anzufangen. Es wird Zeit. Auf dem Kühlschrank bestätigt mich der Leitspruch: „Nimm dein Leben selbst in die Hand!“ Darauf nehme ich einen genussvollen Schluck und sende dem Vater der Kinder wenigstens die letzte SMS. So kann er später nicht behaupten, ich hätte ihn nicht gewarnt. Wir sind schließlich nicht bei Polly Pocket, sondern bei Carla in der IKEA-Einbauküche.

      Stößchen und bis nächste Woche!

      • Neues von Carla…

        Hallo, ich bin Carla!

        Meinen Zwillingen, Lynn und Jona, verdanke ich die Ernennung zur ehrenamtlichen Alltagsakrobatin. Schreibend durchlebe ich die komischen Untiefen des Kinderalltags und vergesse nur manchmal aus Schlaflosigkeit den Stolz auf mein Mama-Sein. In dieser neuen Kolumne nehme ich Euch von nun an jede Woche ein Stückchen mit hinein in meinen Alltag. Ihr werdet vieles aus Eurem Leben wieder erkennen, da bin ich mir sicher… Im Niederschreiben streife ich die vergangenen fünf Jahre seit der Geburt von Lynn und Jona, finde heraus, wie ich wurde, was ich heute im Spiegel sehe, und banne das Mutterglück in praktische Portionen für zwischendurch. Viel Vergnügen!

        Als mir vor einigen Jahren in einem verwunschenen Dorf in Kambodscha eine schrullige Wahrsagerin mit Lockenwicklern prophezeite, ich würde Ende des Jahres schwanger werden und gleichzeitig einen Jungen und einen Mädchen bekommen, hielt ich Zauberei für lustigen Schabernack. Wie soll das denn gehen – ein Junge und ein Mädchen gleichzeitig? Wieder in Deutschland, Mitte November, wies mich mein Körper darauf hin, dass etwas passiert war: Ausbleiben der Regel, Brustziehen, klassische Übelkeit, empfindliche Sinneswahrnehmung.

        Absolut schwanger, bestätigte auch der zwischen zwei Vorlesungen auf der Universitätstoilette getätigte Schnelltest aus der Apotheke. Zwischen Euphorie und Panik, schwankte ich einige Wochen auf den Wogen meines schon im normalen Zustande wechselhaften Gefühlsmeeres, bis ich mich endlich zum Frauenarzt traute. Ich wollte es genau wissen, bevor ich das Leben meines Freundes mit der fröhlichen Neuigkeit auf den Kopf stellte. Jener hatte zwar während unserer verliebten Asienreise von Heiraten und Kinderkriegen gesprochen, aber dass ich gewillt war, meine Träume so fix in die Tat umzusetzen, darüber war er sich wohl nicht wirklich im Klaren.

        Wie auch immer, es war passiert. Doktor Kojiri, persisch verwurzelt, sah mit schwarzem Glänzehaar und Glutaugen aus, wie einem Arztroman entglitten. Irgendwie ist der zu attraktiv und orientalisch, um mich so nonchalant breitbeinig vor dem zu präsentieren, dachte ich noch, bevor ich das übliche Prozedere möglichst emanzipiert hinnahm. Ich grübelte kurz über einem Titel des entsprechenden Groschenromans - „Klinik Waldenstein: Dr. Franke, der Arzt dem die Frauen vertrauen“, als mich der echte Dr. Kojiri in die Realität katapultierte. „Herzlichen Glückwunsch, das ist aber etwas ganz Besonderes in Ihrem jungen Alter!“ Wie bitte, ich bin doch keine 16 mehr, wollte ich entgegnen, doch seinem Satz folgte eine Ergänzung: „…wenn Zwillinge durch natürliche Konzeption entstehen.“ Wie, was: „natürliche Konzeption“? Und was heißt hier „Zwillinge“? Ich verstand nicht recht, was in diesem cremefarben gekachelten Raum exakt in diesem Moment geschah, und während der Doktor noch seine medizinische Erklärung weiterführte, fingen die Wände plötzlich an, zu schwanken. Dann: bedrohliches Rauschen in den Ohren, Flackern vor den Augen, und weg war ich.

        Meine erste Ohnmacht auf einem Gynäkologen-Stuhl, breitbeinig und entblößt wie der feuchte Traum eines Krankenhaus-Fetischisten. Na toll! Zuckerwasser und eine Infusion lockten wenig später mein Bewusstsein in die Gegenwart. Mein Arzt aus tausendundeiner Nacht tätschelte väterlich meine Hand und sagte lachend, das sei ihm in zehn Jahren Praxisalltag noch nicht passiert. Tja, wenigstens habe ich mich heute Morgen frisch rasiert, schoss es mir überflüssigerweise durch den Kopf. Das wird ab heute mein tägliches Ritual, man kann ja nie wissen, in welchen unmöglichen Situationen man sich die Blöße gibt.

        So, aber zurück zu den Fakten. Die Ohnmachts-Story eignet sich zwar hervorragend für die nächste Prosecco-Runde mit meinen Mädels, aber… Moment, Prosecco, Zwillingsschwangerschaft? Mir dämmerte langsam, dass dieser denkwürdige Augenblick sämtliche Vorzeichen meines bisherigen Lebens umdrehen würde und etwas Neues, Unfassbares im Begriff war, in mir zu wachsen. „Ich bin schwanger, ich werde Zwillingsmutter“, murmelte ich fassungslos, und endlich tanzten meine Mundwinkel wie von selbst nach oben und formten ein verstrahltes, Milupataugliches Mamagrinsen. Ich sah mich mit Doppelkarre über Sommerwiesen laufen, mit den niedlichsten Babys der Welt auf einer Decke kuscheln, abends mit dem Vater dieser Traumkinder Schlaflieder singen und anschließend Bilder in Fotoalben kleben. Der Beginn einer Bilderbuchfamilie startet jetzt in diesem Augenblick. Ist das Glück, wenn es sich so kribbelig anfühlt im Herzen?

        Und wie war das noch mit der Wahrsagerin? Ich würde es Ende des Jahres schwanger werden – einen Jungen und ein Mädchen gleichzeitig zur Welt bringen! Wie richtig sie doch lag, die schrumpelige alte Dame aus Kambodscha. Und wie daneben ich mit meinen lenorgespülten, glattgebügelten Happy-Family-Fantasien…

        • Hier ist wieder Eure Carla!

          Hi, hier ist wieder Eure Carla.

          Meinen Zwillingen, Lynn und Jona, verdanke ich die Ernennung zur ehrenamtlichen Alltagsakrobatin. Schreibend durchlebe ich die komischen Untiefen des Kinderalltags und vergesse nur manchmal aus Schlaflosigkeit den Stolz auf mein Mama-Sein. In dieser neuen Kolumne nehme ich Euch von nun an jede Woche ein Stückchen mit hinein in meinen Alltag. Ihr werdet vieles aus Eurem Leben wieder erkennen, da bin ich mir sicher… Im Niederschreiben streife ich die vergangenen fünf Jahre seit der Geburt von Lynn und Jona, finde heraus, wie ich wurde, was ich heute im Spiegel sehe, und banne das Mutterglück in praktische Portionen für zwischendurch. Viel Vergnügen!

          Seit zwei Wochen vermehren sich die Ausrufezeichen hinter dem ersten Eintrag auf meiner Dringlichkeitsliste: Einwohnermeldeamt – Personalausweis erneuern!!!! Der alte, muss man wissen, ist seit drei Monaten abgelaufen. Nicht, dass mich das stört, aber da wir in drei Tagen unseren ersten Familienurlaub per Flugzeug antreten, stört das vermutlich die Lufthansa-Tante am Economy-Schalter. Er muss also schleunigst her, der vorläufige Perso. Nach dem dritten Anlauf, das Haus um 8:30 morgens mit Zwillingen zu verlassen, glückt mein Vorhaben. Lynn und Jona sind satt, frisch gewickelt und lassen sich hoffentlich in ein Nickerchen schuckeln. Ich bin stolz, gleich zwei Termine für heute in Angriff zu nehmen: Einwohnermeldeamt und Kinderarzt. Es nieselt leicht, doch ich schnaufe frisch gefönt und gut gelaunt für ein neues Passbild die Bürgersteige entlang. Das Ziel vor Augen, ein hässlicher Flachbau von Einwohnermeldeamt, stapfe ich mit blütenweißen Converse-Tretern in einen hinterhältig platzierten Hundehaufen. Stinkt zwar, muss jetzt aber Glück bringen. Tat es aber nicht. Statt der erhofften drei Menschen vor mir, tummeln sich um 8:30 Uhr bereits ca. 30, die ganz dringend ihren Kram erledigen müssen. „Kacke“, rufe ich entgeistert, und die Else neben mir deutet auf meine verkoteten Leinenschuhe. „Passiert“, entgegne ich ihrem mitleidigen Blick. Dann ziehe ich eine Nummer und quetsche mich samt Zwillingskarre mit schlafendem Inhalt zum Fotoautomaten. Die Vorschriften für ein Perso-Bildchen haben sich offensichtlich geändert, wie mir die nette Beschreibung in der Kabine erläutert.

          Statt kess seitlich grinsend mein Ohrläppchen zu zeigen, werde ich gebeten, ohne Mimikverzerrung gerade ins Nichts zu starren. Das kommt ganz gelegen, denn der sich langsam ausweitende Haufengestank lässt ein Lächeln nicht selbstverständlich modellieren. Ich werfe sechs Euro in den wartenden Schlitz. Die Fotofix-Dame erklärt mir den Vorgang: „Schauen Sie geradeaus. Sind Sie bereit? Bitte lächeln sie nicht!“ Ich muss lachen und versaue meinen ersten Versuch. Noch mal, bitte. Dann schreit plötzlich Jona los. Eine kuschelbedürftige Frau hatte sich erdreistet, die Füßchen meines Sohnes zu streicheln. Das mag ich gar nicht! Nur weil sie klein, goldig und wehrlos sind, darf man Babys nicht ungefragt betatschen, finde ich. Während ich Jona beruhige, höre ich, wie Fotofix noch mal sechs Euro verlangt, da ich die Zeit überschritten habe. Ich flüstere mein Mantra: „Ich schaffe das, alles wird gut“, wiederhole die Tortur mit Jona auf meinen Oberschenkeln liegend und Kack-Odeur in der Nase. Ich lächle nicht, kriege das krampfigste Perso-Foto seit meiner Zahnspangenzeit, warte demütig bis meine Nummer rot aufleuchtet, und halte schließlich und endlich meinen vorläufigen Personalausweis in den Händen. Geschafft!

          Das sind die kleinen Erfolgserlebnisse des Alltags. Es will sich nur leider nicht nach Erfolg anfühlen, als ich nach fast zwei Stunden meine Zwillingskarre mit mittlerweile schreiendem Inhalt aus der Behinderten-Toilette zerre, wo ich notdürftig meine Schuhe gereinigt habe. Durch diese Tür passe ich wenigstens durch, außerdem fühle ich mich, seitdem Lynn und Jona mein Leben versüßen, regelrecht alltagsbehindert. Wer schon mal bei strömendem Regen mit schreienden Kindern und entsprechender Migräne einen Parkplatz suchen musste, anschließend mit zwei Händen voll Maxi Cosi um vier Häuserblöcke rennen musste, um einen Arzttermin nicht zu verpassen – ja, der weiß, dass Mehrlingsmütter mindestens das Recht haben müssten, auf einem Behindertenparkplatz parken zu dürfen. Doch dem ist nicht so, wie mich eine halbe Stunde später ein freundlicher Verkehrshüter belehrt: „Sie wissen doch sicher, dass sie hier nicht parken dürfen?“ Ein Grinsen entblößt seinen pädophilen Unterbiss. Ich atme, zähle langsam bis drei, steige aus, hebe Babyschale Nr. 1 mit schreiendem Zwilling Nr.1, dann Babyschale Nr. 2 mit milchspuckendem Zwilling Nr. 2 von der Rückbank. Dann drücke ich meinem Freund und Helfer den Autoschlüssel in die Hand, deute auf das Ärztehaus gegenüber und sage mit dem letzten Charme einer abgerockten Jungmutter: „Sind sie so freundlich und geben den Schlüssel mit einer Kurzbeschreibung, wo mein Wagen gleich parken wird, dort vorne beim Kinderarzt ab? Sie sehen ja, ich habe beide Hände voll zu tun.“ Mit diesen weisen Worten wuchte ich mir Lynn und Jona auf die bereits grün-bläulichen Markierungen meiner Unterarme und überlasse das Schicksal unseres Familienautos dem uniformierten Wicht. Ein Gefühl von Heldenmut breitet sich aus. Ich habe den Rat aus der letzten „Eltern“-Ausgabe befolgt und eine Aufgabe, die mir zu viel wurde, einfach an einen Mitmenschen abgegeben.

          Damit sich der Lerneffekt ins Unterbewusstsein einsenkt, verteile ich im Wartezimmer angekommen, meine Kinder auf die Arme türkischer Cousins einer Großfamilie, und gehe mal in Ruhe für tapfere Carlas. Als ich zurückkomme, kriege ich alles wohlbehalten zurück: meine Kinder und meinen Autoschlüssel. Letzteren mit einem Zettel garniert: „Falls Sie mal wieder Hilfe brauchen - 0170 80 35 XXX - Stephan!“ Stephantastisch!!

          • Erinnert Ihr Euch an mich, die Zwillingsmutter Carla?

            Erinnert Ihr Euch an mich, die Zwillingsmutter Carla?

            In meiner Kolumne nehme ich Euch jede Woche ein Stückchen mit hinein in meinen Alltag. Ihr werdet vieles aus Eurem Leben wieder erkennen, da bin ich mir sicher… Im Niederschreiben streife ich die vergangenen fünf Jahre seit der Geburt von Lynn und Jona, finde heraus, wie ich wurde, was ich heute im Spiegel sehe, und banne das Mutterglück in praktische Portionen für zwischendurch. Viel Vergnügen!

            Es ist 4:45. Ich wünschte, mein Wecker würde klingeln. Was mich aus tiefsten Träumen in die Realität zerrt, ist nämlich kein Radiowecker mit Schlummerfunktion. Nein, es sind meine Zwillinge. Erst Klein-Lynn, dann Klein-Jona. Anfänglich lieblich wimmernd, dann im Terrorstakkato (und ohne Schlummerfunktion). Mein Mann ist auf Geschäftsreise und ich spiele mit dem Gedanken, ihm seinen fünf Monate alten Nachwuchs per Overnight-Kurier nachzuschicken. Doch etwas in mir steht auf, ölt meine Stimme mit mütterlichem Singsang und aktiviert sämtliche Funktionen der Brutpflege. Wenig später wiege ich meinem Urinstinkt folgend abwechselnd die quietschenden Wunschkinder, stille hier, wickle da und beschließe, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, um eine handfeste Depression zu entwickeln. Ich bin frische Mitte zwanzig, meine Bikini-Figur ist dahin, und meine Universitätskarriere in eine unerreichbare Ferne gerückt. Stattdessen gleiche ich einem Beuteltier, das ständig zwischen Hysterie und Glückseligkeit schwankt und büschelweise blondes Echthaar verliert. Gleich morgen früh, also in drei Stunden, wenn normale Menschen auch wach sind, rufe ich meine Krankenkasse an und beantrage eine Schrei-Therapie, eine Mutter-Kind-Kur ohne Kinder und einen „Back-in-shape“-Kurs mit einem Personal Trainer. Einem männlichen. Ich habe ein Recht darauf, schließlich habe ich die kümmerliche Wachstumsrate von Deutschlands Bevölkerung aufgerundet und verzichte zugunsten wahrer Familienwerte auf sämtlichen Alltagsluxus: Ausschlafen, Shoppen, Liebesleben und Selbstverwirklichung. Das schreit nach ausgleichender Gerechtigkeit, finde ich.

            Drei Stunden später, die Brut schläft wieder und ich erkläre Herrn Brömmer, meinem persönlichen Berater bei der Krankenkasse, den Ernst der Lage. Martin Brömmer hat jedoch eine sehr diffuse Meinung zu meinem Anliegen. Er unterbreitet mir, dass ich in den ersten Wochen nach der Entbindung gerne einen Antrag auf eine Haushaltshilfe hätte stellen können. „Aber nun ist die schwerste Zeit ja schon geschafft, Frau S.“ Über eine Mutter-Kind-Kur – „selbstverständlich mit Ihren Kindern, von denen Sie sich sicherlich nicht trennen wollen!“ – ließe sich nachdenken, allerdings müsse dafür ein ärztliches Attest vorliegen, das die Notwendigkeit belegt. Die Notwendigkeit schreit schon wieder lauthals im Hintergrund, Herr Brömmer! Ich wünsche meinem Krankenkassenberater insgeheim Zwillinge an den Hals und lege entnervt auf. Draußen gibt die Dämmerung Hamburger Schmuddelwetter preis und ich zupfe in einem Anfall von Panik meine Bauchdecke, was die Oberhaut straffen soll. „Schwangerschaftsschürze“ ist überhaupt mein persönliches Hasswort des Jahres! Welcher nichtsnutzige Mediziner hat dieses schlimme Wort für arme, gestrafte Ex-Babybäuche erfunden? Warum nicht gleich Hängebauchschwein. Die armen Tiere, deren Bäuche auf dem Boden schleifen, fanden übrigens infolge ihrer Fähigkeit zur Aufnahme sozialer Beziehungen und ihrer relativ geringen Körpermaße weltweite Verbreitung als Heimtiere innerhalb von Hobbyzuchten. „Heimtier“, ,„Hobbyzucht“– da fühle ich mich weit mehr angesprochen als bei „Schwangerschaftsschürze“. Nee wirklich, wo bleibt bei Sinn für Ästhetik und der nötige Respekt vor den Müttern dieser Welt? Ich bestelle mir eine Voodoopuppe aus dem Internet und werde ihr sämtliche Hautlappen festtackern, mit denen der nichtsnutzige Erfinder dieses Unworts das Mutterleid multipliziert hat. Herr Brömmer kriegt auch so eine. Während sich mein Mann wohl in Düsseldorfer Hotelbettwäsche räkelt, holen mich hungrige Zwerge in die Gegenwart. Wo bleibt eigentlich mein Zimmer-Service?

            Das Leben ist nicht gerecht.

            • Hallo, ich bin Carla!

              Hallo, ich bin Carla!

              Meinen Zwillingen, Lynn und Jona, verdanke ich die Ernennung zur ehrenamtlichen Alltagsakrobatin. Schreibend durchlebe ich die komischen Untiefen des Kinderalltags und vergesse nur manchmal aus Schlaflosigkeit den Stolz auf mein Mama-Sein.

              In dieser neuen Kolumne nehme ich Euch von nun an jede Woche ein Stückchen mit hinein in meinen Alltag. Ihr werdet vieles aus Eurem Leben wieder erkennen, da bin ich mir sicher… Im Niederschreiben streife ich die vergangenen fünf Jahre seit der Geburt von Lynn und Jona, finde heraus, wie ich wurde, was ich heute im Spiegel sehe, und banne das Mutterglück in praktische Portionen für zwischendurch. Viel Vergnügen!

              Meine Zwillinge übergeben sich stereo. Ich durchleide die erste Magen-Darm-Grippe der lieben Kleinen und wünschte, ich hätte mit dem Kinderkriegen solange gewartet, bis die Schmutzarbeit von einer Nanny erledigt werden kann. Doch der unverkennbare Lazarettduft, der durch die Ritzen der Wohnungstür bereits meine Nachbarin alarmierte, bestätigt: Ich habe weder eine tatkräftige Nanny, noch ein hilfsbereites Au-Pair-Mädchen in der Rumpelkammer, nicht mal die gute alte Schwiegermutter um die Ecke. Dieser Kampf ist mein, ganz allein.

              Ich gehöre zwar nicht zu den handelsüblichen Müttern aus dem Werbefernsehen, die vor lauter Angst, modernen Hygieneansprüchen nicht gerecht zu werden, ihre Wohnräume mit Febreze ausräuchern. Aber ich spiele mit dem Gedanken, aus Wunderbäumen dekorative Mobiles zu basteln. Den WC-Duftstein „Oceanbreeze“ könnte ich mir eigentlich gleich um den Hals hängen.

              Während mein Mann sich von einem Meeting zum nächsten langweilt, kämpfe ich zu Hause gegen den Wäscheberg an, der unsere Badewanne belagert. Nachdem ich die vierte Maschine angestellt, die 18. Windel gewechselt und das neue Sofa von Kotzebröckchen befreit habe, klingelt drei Mal das Telefon. Erst mein Mann: „Schatz, vor 22 Uhr bin ich hier wohl nicht raus.“ Dann meine Mutter: „Schritt für Schritt, du schaffst das schon, mach nur so viel kannst und vergiss nicht, auch dies geht vorbei.“ Anschließend meine Single-Freundin Nina: „Du hast es so gut, du wirst gebraucht und hast eine echte Aufgabe im Leben.“

              Nachts, ich halte Jona gerade über die Kloschüssel und Lynn schreit „Mama, Kacka da,“ kommt mein Mann nach Hause. Er ist blass und meint, es gehe ihm gar nicht gut. Dann blickt er auf seinen würgenden Sohn und übergibt sich im Strahl. Ich murmele etwas von „Schritt für Schritt, du schaffst das schon, kotz nur so viel kannst und vergiss nicht, auch dies geht vorbei“ und verlasse mit Jona unterm Arm das Badezimmer. Während ich Lynn komplett entkleide, wasche und zum 19. Mal wickle, beschließe ich, gleich morgen früh Nina anzurufen, um ihr zu sagen, dass sie gebraucht wird. Ich muss nämlich dringend zur Massage, anschließend zur Kosmetikerin und kurz mal was Anständiges essen. Bei Luigi. Das ist der nette Italiener um die Ecke und mein bester Freund, seit ich verheiratet bin und Kinder habe.

              Ab jetzt, liebe Single-Freundin Nina, wirst du eine echte Aufgabe im Leben haben. Und zwar regelmäßig einmal die Woche. Dann machst Du die Kinder, ich tue mir Gutes – und schreibe im Anschluss meine Mamiweb-Kolumne…

              Bis nächste Woche!


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